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Traditioneller vogtländischer Musikinstrumentenbau in Markneukirchen und Umgebung

Landesspezifische Bewerbung - Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes

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(© Stadtverwaltung Markneukirchen)

Geigenbau Bogenmacher Holzblasinstrumentenmacher Metallblasinstrumentenbau Zupfinstrumentenmacher Zitherbau Mundstückmacher Handzuginstrumente Kontor

Im Südwesten des Freistaates Sachsen, in der Region um Markneukirchen, werden seit rund 350 Jahren Musikinstrumente hergestellt. Während andernorts, wie im italienischen Cremona, Spezialisierungen auf eine Art von Musikinstrumenten vorherrschen – der dortige Geigenbau wurde 2012 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt – werden in Markneukirchen nahezu sämtliche Streich-, Zupf-, Holzblas-, Metallblas-, Schlag- und Harmonikainstrumente der europäischen Musik einschließlich Bögen, Bestandteilen und Zubehör gefertigt. Damit existiert der Musikinstrumentenbau hier in einer Konzentration und Vielfalt, die den vogtländischen Musikwinkel weltweit einzigartig macht.

Der traditionelle vogtländische Musikinstrumentenbau wird heute von rund 1.300 Handwerkern in mehr als 100 Werkstätten ausgeübt. Die Größe der Betriebe variiert dabei von einem selbstständigen Meister, der allein oder mit Gesellen, Lehrlingen und angestellten Meistern arbeitet, über rund 20 Manufakturen bis hin zu 3 mittelständischen Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten. Gegenstand dieses Antrags ist nur das traditionelle Handwerk.

Die Ursprünge dieser Handwerkskunst in der Region gehen zurück auf böhmische Geigenbauer, die sich als Glaubensflüchtlinge Mitte des 17. Jahrhunderts hier ansiedelten. Durch musikgeschichtliche Entwicklungen und entsprechenden Bedarf an Instrumenten folgten bald Saitenherstellung, Bogenbau sowie Metallblas- und Holzblasinstrumentenbau, sodass bereits Ende des 18. Jahrhunderts sämtliche Orchesterinstrumente einschließlich Bestandteilen und Zubehör gefertigt wurden, bald ergänzt durch Zupfinstrumente, Mund- und Handharmonikas, letztere vor allem in und um Klingenthal. Von Beginn an wurden Wissen, Erfahrungen und Werkzeuge von Generation zu Generation weitergegeben.

Neben dokumentiertem Fachwissen zu Techniken und Materialien sind vor allem intensive Beobachtung und Nachahmung, Austausch mit Musikern und Kollegen sowie das Studium alter und zeitgenössischer Instrumente, beispielsweise in den einschlägigen Museen und Ausstellungen der Region, Basis des nicht endenden Lernprozesses der Instrumentenmacher. Veränderliche Naturmaterialien wie unterschiedlichste Hölzer, Därme, Häute, Leder oder Pflanzenstoffe erfordern zudem ein Handeln im Einklang mit der Natur und ständige Anpassungsprozesse in der Verarbeitung. Aber auch die öffentliche Lehre und Ausbildung besteht seit 150 Jahren. Sie erfolgt heute entweder im dualen System (Theorie an der Berufsfachschule Klingenthal, Praxis im Handwerksbetrieb) oder in Vollzeitausbildung an der Berufsfachschule. Gegenwärtig sind mit der Meisterausbildung der Handwerkskammer und mit der Fachhochschulausbildung im Bachelor- und ab 2015 Masterstudiengang die höchstwertigen Fortführungen dieser Ausbildungstradition gewährleistet. Aufbauend auf den vogtländischen Handwerkstraditionen integriert das Studium verschiedenste Fächer zu einem Konzept, das sich den komplexen Anforderungen des modernen Musikinstrumentenbaus stellt und für das international keine vergleichbaren Curricula existieren. Wissenschaftlicher Partner ist auch das Institut für Musikinstrumentenbau e.V. an der TU Dresden in Zwota.

Wirtschaftskrisen, Weltkriege und teilweise Verstaatlichungen von Familienbetrieben, Schwierigkeiten bei Materialbeschaffung und Firmengründung während der Zeit der DDR oder auch gegenwärtige Globalisierungsprozesse konnten stets vom traditionellen Musikinstrumentenbauhandwerk mit dem Bewusstsein für die Stärken der Tradition und die Fähigkeit zur Anpassung an neue Gegebenheiten überwunden werden. Trotzdem existieren auch heute Risiken für seine dauerhafte Erhaltung z.B. bei fehlendem familiären Nachfolger, gepaart mit mangelnder Bereitschaft zur Ausbildung von Lehrlingen in den Handwerksbetrieben. Eine Bedrohung für Teilbereiche des Musikinstrumentenbaus stellen auch die Knappheit bzw. Import- und Export-Verbote bestimmter Materialien dar.

Vogtländische Musikinstrumente wurden und werden weltweit in Orchestern, Ensembles und von Solisten gespielt. In der Region um Markneukirchen ist der Instrumentenbau soziokulturelle Grundlage für weitere Bereiche. Zahlreiche Laienorchester bestehen zum großen Teil aus Musikinstrumentenbauern, internationale Musikwettbewerbe sowie Meisterkurse für Musikstudenten laden jährlich hunderte junge hochtalentierte Musiker ein und bieten Kontaktmöglichkeiten zu Instrumentenbauern. Auch organisierte Musikerreisen, Projekte an Schulen oder Fachgespräche, Ausstellungen und Werkstattführungen der Musikinstrumentenbauer spiegeln die Vielfalt des Themas wider. Der traditionelle Musikinstrumentenbau, der in mehreren Familien bereits in siebenter Generation ausgeübt wird, vermittelt gemeinsam mit seinen vielschichtigen Ausprägungen in der Region ein Gefühl von Identität, Kontinuität und Stolz.

Der Erhalt dieses besonderen Handwerks bedeutet sowohl die Bewahrung der Einmaligkeit einer Region als auch eine Grundlage für künftigen musikalischen Reichtum.

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Carola Schlegel

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